25 Jahre ist es her, dass islamistische Terroristen zwei Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers in New York lenkten. Tausende Menschen wurden in den Tod gerissen. Ein weiteres Flugzeug stürzte aufs Pentagon, ein viertes wurde von verzweifelten Passagieren zum Absturz gebracht, damit die Verbrecher kein weiteres Gebäude anvisieren konnten. Ein wahr gewordener Alptraum, der das 21. Jahrhundert früh geprägt hat.

Die Bilder der Tragödie sind unvergessen. Es war schon kaum zu ertragen, dem Geschehen in Manhattan aus 6.000 Kilometer Entfernung live im Fernsehen zu verfolgen. Wie es für die Menschen in den Towers, für ihre Angehörigen, die vielen Feuerwehrleute und Helfenden, den Bewohner*innen von NYC gewesen sein muss, war und ist nicht zu ermessen. Der Anschlag schlug tiefe Wunden in die Seelen nicht nur vieler US-Amerikaner*innen. Ein Schock, der in der westlichen Welt jedes Sicherheitsgefühl infrage stellte.

Tröstend und verbindend

Es waren Bruce Springsteen und die nach langer Trennung wiedervereinigte E-Street-Band , die im Jahr darauf mit dem Album The Rising Balsam auf die Wunden auftrugen. Mit erlösenden Gospelanklängen, lebensnahem Folkzitaten und trotzigem Rock´n´Roll stemmten sie sich gegen die kollektiven Folgen der Katastrophe. Überliefert ist, dass ein New Yorker Bürger Bruce Springsteen auf der Straße getroffen hatte und ihm zurief: „Wir brauchen dich jetzt, Bruce.“

Der Boss hörte und handelte – und rief sogar einige Angehörige der Opfer aus den Zwillingstürmen an, um Mitgefühl zu zeigen und ein Gespür dafür zu bekommen, wie es den Hinterbliebenen ging. Kein Wunder, dass die Musik auf dem Album den richtigen Ton trifft: tröstend, verbindend und ermutigend.

Hymnen der Resilienz 

So ist The Rising nicht nur eine musikalische Großtat – es steht Born to Run oder Born in the USA in nichts nach – sondern auch eine zutiefst menschliche Geste: ehrlich, direkt, glaubwürdig und versöhnend. Das sind eben der Sound und die Worte, die vielen Menschen einfach guttaten und nach wie vor tun. Der Titelsong, „The Rising“, stiftet mit seinem pulsierenden Rhythmus einen Optimismus und ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Eine Hymne der Resilienz. Lieder wie „You´re missing“ über den Alltag der Hinterbliebenen und „Into the Fire“ rühren heute noch zu Tränen. Letzteres ist eine berührende Hommage an die Feuerwehrleute, die mutig in die brennenden Türme stiegen. Wenn Springsteen die folgenden Zeilen singt, scheint die Zeit einmal mehr stillzustehen:

Well the sky was falling and streaked with blood

I heard you calling me, then you disappeared into the dust

Up the stairs, into the fire

Yeah up the stairs, into the fire

I need your kiss, but love and duty called you someplace higher

Somewhere up the stairs, into the fire

Nicht jeder Song der LP ist im Kontext von 9/11 entstanden. Manche Lieder sind deutlich älter und fügen sich dennoch – wie an einer Schnur des Schicksals gezogen – in das Werk ein. Das elegische „My City of Ruins“ zum Beispiel. Kaum zu glauben, dass dieses Stück ursprünglich den Verfall von Ashbury Park, New Jersey, thematisieren sollte. Auch das grandiose „Waiting on a Sunny Day“, das eine dezidiert optimistische Note setzt, stammt aus den 1990er-Jahren. Dass Springsteen den Song „Worlds apart“ unter Mitwirkung des pakistanischen Sängers Asif Ali Khan und der Qawwali Group auf die Platte nahm, durfte als Statement der Versöhnung verstanden werden.

Die E-Street-Band im Jahr 2002

Roy Bittan – Keyboard, Piano, Mellotron
Clarence Clemons – Saxophon, Backgroundgesang
Danny Federici – Hammond-Orgel
Nils Lofgren – E-Gitarre, Dobro, Slide-Gitarre, Banjo, Backgroundgesang
Patti Scialfa – Gesang, Rhythmusgitarre
Garry Tallent – E-Bass
Steven Van Zandt – E-Gitarre, Backgroundgesang, Mandoline
Max Weinberg – Schlagzeug

In der heutigen Rezeption der Platte spielt die initiale Wirkung und Bedeutung natürlich nicht mehr so eine große Rolle. Vorrangig wird die musikalische Qualität  kommentiert. Mit The Rising veröffentlichte Springsteen nach Born in the USA (1984) zum ersten Mal wieder ein Studioalbum mit der legendären E-Street-Band. Allein das war eine Sensation. Springsteen und Produzent Brandon O. Brian kreierten für das Album einen Rock´n´Roll-Sound, der in das neue Jahrtausend passte und die Dramatik des Augenblicks einfängt. Mein Eindruck beim Hören ist immer wieder, dass zwischen Clarence Clemons ikonischem Saxophonspiel und – welch grandiose Idee – Gastmusikerin Soozy Tyrellssehr präsenten Violinpassagen tiefe emotionale Räume entstehen. Ich liebe diesen Effekt.

Rock´n`Roll mit Botschaft

Und wem Hintergrund und Texte des Albums herzlich egal sind, dem sei gesagt: The Rising rockt – und wie! An Wumms hat es der E-Street-Band, die mit Bruce Springsteen, dem einst verlorenen Sohn Steven Van Zandt und Nils Lofgren an den Gitarren auftrumpft, ja nie gemangelt. Aber in der Erinnerung an 9/11 lohnt es sich schon, nochmal genau hinzuhören, wovon der Boss da singt. Denn seine Metabotschaft strahlt bis in unsere Zeit und hat nichts an Gewicht verloren: Aus dem Schlamassel der multiplen Krisen und Konfrontationen können wir uns nicht mit Drohungen, Krieg und Gewalt, sondern nur mit Zusammenhalt und Menschlichkeit befreien. Bis dahin mag es noch ein langer Weg sein, aber Springsteens Lieder erzählen eindringlich davon, dass es möglich ist und wir den Glauben daran nie aufgeben sollten.

Weitere Anspieltipps: Nothing Man / Paradise / Counting on a Miracle

Verfügbarkeit auf Vinyl: problemlos


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