Mit seinen letzten Alben, den sogenannten „American Records“, hat Country-Star Johnny Cash (1932–2003) zum Ende seiner Karriere ein faszinierendes Stück Musikgeschichte geschrieben. Aus der Serie von sechs Alben, die er mit dem Musikproduzenten Rick Rubin aufgenommen hat, möchte ich Euch und Ihnen Nummer IV, erschienen im Jahr 2002 und betitelt als „The Man comes Around“, besonders ans Herz legen. Gedämpfte Stimmung, sparsame Arrangements, eine großartige Auswahl an Songs und Cashs altersbrüchige Stimme fügen sich zu einem berührenden, mitunter intimen Hörerlebnis.
I hurt myself today
To see if I’m still real
I focus on the pain
The only thing that’s real
Überliefert ist, dass Songautor Trent Reznor zurückhaltend reagierte, als er Cashs Version zum ersten Mal hörte. Eine Coverversion dieses sehr persönlichen Liedes? Schwierig. Er brauchte einige Zeit, bis er Cashs Leistung mit diesen mittlerweile berühmt gewordenen Worten anerkennen konnte:
„That song isn´t mine anymore.“
Der Filter des Alters
Und so verhält es sich mit einigen der mehrheitlich gecoverten Songs auf diesem Album: Cash filtert sie gen Ende seines Lebens durch seine Erfahrungen, Fragen und Zweifel.
„In my life“ von den Beatles zum Beispiel spiegelt im Original vom Album Rubber Soul (1965) die Gedanken des erst 24-jährigen John Lennon. Wenn Cash, zum Zeitpunkt seiner Aufnahme 70 Jahre alt, von den Begegnungen mit Orten und Menschen singt – „Some are dead and some are living, in my live, I`ve loved them all“ – dann nehmen die Verse eine ungeheure Gravitas an. Gelebtes Leben.
Das gleiche geschieht mit „Desperado“ von den Eagles. Co-Autor Don Henley, er ist bei Cashs Aufnahmen einer der Gastmusiker, war kaum 25 Jahre alt, als er gemeinsam mit Glenn Frey schrieb: „You′re losin’ all your highs and lows. Ain′t it funny how the feeling goes away?“
Mit „Personal Jesus“ von Depeche Mode – Arrangement und Gitarrenspiel stammen von John Frusciante von den Red Hot Chilli Peppers – und der Moritat „Hung my head“ von Sting hält das Album weitere Gänsehautinterpretationen bereit.
Auch „Bridge over troubled water“ von Simon & Garfunkel hört man hier in einer Intensität, die neben Cash nur das Original und Aretha Franklin (1942–2018) in ihrer Fassung erreicht haben.
Es ist, als habe Cash die Stücke von der Patina einer jahrzehntelangen Rezeption und Diskussion befreit und eine neue Perspektive auf ihre Bedeutung eröffnet. Weitere Gastmusiker:innen wie Fiona Apple und Nick Cave verstärken die Wirkung mit ihren einsfühlsamen Beiträgen noch weiter.
Johnny Cash muss man auch aushalten
Zwar debattieren Fans bis heute darüber, welches von Cashs American-Alben das beste war. Für mich stellt American IV den Höhepunkt dieser fast zehn Jahre andauernden Kollaboration zwischen Johnny Cash und Rick Rubin dar (hier geht es zu einem Interview dazu von Rick Beato mit Rubin). American IV ist eines jener Alben, das von Sekunde eins bis zur Auslaufrille auf der vierten Seite eine einheitliche und immersive Stimmung erzeugt. Die Höerer*innen erwartet eine aufwühlende Auseinandersetzung über das Leben und den Tod, über die Fehler und Verletzungen, die sich in einer Lebensspanne ansammeln, über die großen Themen von Liebe und Freundschaft.
Dass Cash dazu einiges zu sagen hatte, zeigen auch seine drei eigenen Kompositionen, die er zwischen die Coversongs gestreut hat. Besonders das titelgebende und um Bibelzitate konstruierte Lied „The man comes around“ – gemeint ist Jesus Christus – hat ihm viel bedeutet. Er erzählt die Gesichte des Songs in seinen Linernotes. In Kurzform gesagt, führten ein Buch und ein Traum ihn zum Buch Hiob und zur Offenbarung des Johannes.
Cashs Fazit: Im Wortsinne bedeute „Offenbarung“ eben, dass etwas „offenbart“ werde. Er wünschte, das wäre so. Je tiefer er sich in das Buch der Offenbarung eingegraben habe, desto stärker habe er realisiert, warum es sich dabei um solch ein Puzzle handele, sogar für manche Theologen. Wenn man Cash auf diesem Album aufmerksam zuhört und sein Herz für die Zwischentöne öffnet, gewinnt man den Eindruck: Er ist diesem Geheimnis ein Stück näher gekommen.
American IV war das letzte von den insgesamt sechs Alben aus der Zusammenarbeit mit Rick Rubin, das noch zu Cash Lebzeiten veröffentlich wurde – und ist das intensivste. Das muss man wollen. Und zuweilen auch aushalten.
Weitere Anspieltipps: First Time I Ever Saw Your Face / Tear Stained Letter / We`ll Meet Again
Verfügbarkeit Vinyl: problemlos
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